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Alle Fakten zum Impfstopp Wie hoch ist das Astrazeneca-Risiko?

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Astrazeneca bleibt vorerst im Lager.

(Foto: AP)

Der Impfstopp von Astrazeneca sei eine fachliche, keine politische Entscheidung, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. Aber was bedeutet das konkret? Und was sagt eigentlich Karl Lauterbach?

Warum wurden die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin ausgesetzt?

Den Experten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) war eine Häufung von seltenen Hirnvenenthrombosen aufgefallen, Sinusvenenthrombosen genannt. Es handelt sich dabei um Blutgerinnsel in Venen, die Blut aus dem Gehirn abführen. Symptome können Kopfschmerzen, aber auch epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen sein. In der Regel sind vor allem Frauen unter 50 Jahren von Sinusvenenthrombosen betroffen. Etwa jeder fünfte Patient stirbt daran oder bleibt alltagsrelevant behindert. Eine Besonderheit der gemeldeten Fälle ist, dass die Sinusvenenthrombosen zusammen mit einer Thrombozytopenie auftraten. Bei einer Thrombozytopenie werden zu wenig Blutplättchen gebildet, zu viele abgebaut oder falsch verteilt. Mögliche Ursachen können Infekte, Vitaminmangel, genetische Veranlagungen oder die Einnahme von Medikamenten sein. Als Symptome treten punktförmige Einblutungen in die Haut oder Schleimhäute auf, gelegentlich auch starkes Nasenbluten. Die Kombination von Sinusvenenthrombose und Thrombozytopenie ist sehr selten.

Wie hoch ist das Thrombose-Risiko nach einer Astrazeneca-Impfung?

Gemeldet wurden laut Bundesgesundheitsministerium bis Montag sechs Fälle von Sinusvenenthrombosen, dazu ein medizinisch vergleichbarer Fall, also insgesamt sieben. Aufgrund eines natürlichen Vorkommens erwartbar gewesen wären in einem Zeitraum von 14 Tagen nach einer Impfung bei 1,6 Millionen Impfungen etwa 1 bis 1,4 Sinusvenenthrombosen. Die sieben Fälle entsprechen etwa vier Fällen pro einer Million Geimpfter seit Start der Impfungen Anfang Februar. Das Risiko liegt als bei 1:250.000. Laut PEI handelt es sich bei den Betroffenen um sechs Frauen und einen Mann im Alter zwischen etwa 20 und 50 Jahren. Drei von ihnen starben.

Wie viele Menschen wurden bereits mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft?

Nach der Zählung des Robert-Koch-Instituts wurden bis einschließlich 15. März 1.748.563 Astrazeneca-Dosen zur Erstimpfung eingesetzt und lediglich 250 zur Zweitimpfung. In der Europäischen Union und Großbritannien hätten ungefähr 17 Millionen Menschen das Präparat erhalten, sagte die Chef-Medizinerin von Astrazeneca, Ann Taylor, in einer Stellungnahme, die das Unternehmen am Sonntag veröffentlichte.

Sind damit auch bereits gebuchte Termine für Erstimpfungen mit Astrazeneca gestoppt?

Das kommt auf die Bundesländer an. Hamburg etwa sagte erst alle Impfungen ab, teilte dann aber mit, dass ab Mittwoch doch wieder geimpft wird. Statt Astrazeneca gibt es dann die Impfstoffe von Biontech/Pfizer oder Moderna. Ähnlich verfährt Rheinland-Pfalz. Auch NRW will auf einen Teil seiner Impfstoff-Reserve zurückgreifen. Ungefähr 50 Prozent der Dosen von Biontech/Pfizer und Moderna seien bisher für "eine absolute Sicherheit bei den Zweitimpfungen" zurückgelegt worden, sagte Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Rund 150.000 davon sollen den Impfzentren zur Verfügung gestellt werden.

Was bedeutet das für Menschen, die bereits eine Dosis von Astrazeneca bekommen haben?

Das sei noch nicht klar, schreibt das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Webseite zu der Frage, ob diejenigen, die nur eine Erstimpfung von Astrazeneca erhalten haben, jetzt mit einem anderen Impfstoff geimpft werden. "Allerdings ist man bereits mit einer Erstimpfung gut geschützt gegen einen schweren Verlauf einer Infektion. Eine Gefahr geht nicht davon aus, wenn man die zweite Impfung auslässt. Sollte der Impfstoff aber zugelassen bleiben, sollte man die zweite Impfung auf jeden Fall machen. Sie verstärkt den Schutz um ein Vielfaches."

Müssen mit dem Astrazeneca-Vakzin Geimpfte jetzt Angst haben?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt: Nein. Sie rief die Länder auf, Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca nicht auszusetzen. "Wir wollen nicht, dass die Leute in Panik geraten", sagte die leitende Wissenschaftlerin bei der WHO, Soumya Swaminathan. Derzeit gebe es keinen Hinweis auf eine Verbindung sogenannter "thromboembolischer Ereignisse" mit Astrazeneca-Impfungen. Das PEI erklärte am Montag, "dass Personen, die den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen - z.B. mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen - sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben sollten". Institutschef Klaus Cichutek sagte am Abend in der ARD: "Personen, die jetzt in den letzten vier bis sechzehn Tagen geimpft wurden und bei denen die normalen, vorübergehenden Impfreaktionen mit Kopfschmerzen, Unwohlsein und Ähnlichem eigentlich abgeklungen sein sollten" sollten "bei anhaltenden, auch sich verstärkenden Kopfschmerzen oder vielleicht punktuellen Hauteinblutungen einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen".

Haben auch andere Länder die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin ausgesetzt?

Ja, einige. Als erstes Land hatte Dänemark am Donnerstag vergangener Woche den Astrazeneca-Impfstoff abgesetzt. Norwegen und Island zogen am selben Tag nach, Bulgarien folgte am Freitag, Irland und die Niederlande am Sonntag. Am Montag setzten Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Slowenien, Portugal und Lettland diese Impfungen aus. Am Dienstag zog Schweden nach. Österreich hatte die Verwendung einer bestimmten Charge von Astrazeneca in der vergangenen Woche gestoppt, nachdem eine 49-Jährige ein paar Tage nach ihrer Impfung gestorben war. Bei der Frau waren Gerinnungsstörungen aufgetreten.

Aber es gibt weiterhin Länder, wo das Astrazeneca-Vakzin verimpft wird, oder?

Ja, allen voran Großbritannien. Premierminister Boris Johnson bekräftigte am Montag, die britische Regierung habe Vertrauen in die Sicherheit des Impfstoffs. "Wir haben eine der härtesten und erfahrensten Regulierungsbehörden der Welt", sagte er, und diese sehe "überhaupt keinen Grund, das Impfprogramm zu stoppen". Auch Australien verwendet das Astrazeneca-Vakzin weiter. Der australische Chefepidemiologe Paul Kelly sagte, Sicherheit sei die erste Priorität. "In jeder großen Impfkampagne gibt es ungewöhnliche Vorfälle, und wir untersuchen diese sehr genau und gründlich. Aber das bedeutet nicht, dass ein Ereignis, das nach der Impfung passiert, auch eine Folge davon ist." Aus seiner Sicht gebe es keinerlei Hinweise, dass der Impfstoff von Astrazeneca Blutgerinnsel verursache.

Wird das Astrazeneca-Vakzin auch in den USA verimpft?

Nein, denn der Impfstoff ist dort noch gar nicht zugelassen. Dennoch sitzen die USA auf Millionen von Astrazeneca-Impfdosen, wie die "New York Times" vor ein paar Tagen berichtete. So stehen 30 Millionen Impfdosen in einer Fabrik in Ohio herum, dazu kommt Impfstoff, der fertig, aber noch nicht abgefüllt ist. Das Unternehmen hat die Regierung in Washington gebeten, den Impfstoff nach Europa liefern zu dürfen, dafür aber keine Erlaubnis bekommen; die USA produzieren auch unter Präsident Joe Biden nur für sich selbst und haben ein Exportverbot für Corona-Impfstoffe erlassen. Sein Vorgänger Donald Trump hatte 300 Millionen Impfdosen von Astrazeneca bestellt. Dass das Präparat in den USA noch keine Zulassung erhalten hat, liegt laut "New York Times" vor allem an kommunikativen Problemen. So sei der Zulassungsprozess im Herbst für mehrere Wochen gestoppt worden, weil das Unternehmen keine Daten über neurologische Nebenwirkungen bei zwei Probanden geliefert habe. Mittlerweile haben die USA so viel Impfstoff, dass sie es mit dem von Astrazeneca nicht mehr so eilig haben.

Wann wird entschieden, ob der Impfstoff weiter zugelassen wird?

Auch diese Frage beantwortet das Bundesgesundheitsministerium auf seiner Webseite, und auch hier lautet die Antwort: "Das ist noch nicht klar." Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA werde dazu alle Berichte der europäischen Arzneimittelbehörden auswerten. Inzwischen hat die EMA bekräftigt, dass sie vom Impfstopp nichts hält. "Wir sind immer noch zutiefst überzeugt, dass die Vorteile des Astrazeneca-Impfstoffs bei der Vorbeugung von Covid-19 mit dem damit verbundenen Risiko eines Krankenhausaufenthalts und dem Tod das Risiko dieser Nebenwirkungen überwiegen", sagte EMA-Chefin Emer Cooke. Es gebe derzeit keine Belege, dass die bei einzelnen Geimpften aufgetretenen Blutgerinnsel von dem Astrazeneca-Vakzin verursacht worden seien. Am Dienstag hat der EMA-Ausschuss für Impfstoff-Sicherheit beraten, bis Donnerstag will das Gremium eine Entscheidung fällen. Wegen dieser Abfolge wurde der Impfgipfel von Bund und Ländern von Mittwoch auf Freitag verschoben. Eine Entscheidung zu Astrazeneca könnte dort oder danach fallen.

Und was sagt Karl Lauterbach?

Der SPD-Gesundheitsexperte, der ja auch gelernter Epidemiologe ist, hält die Aussetzung des Impfstoffs von Astrazeneca für falsch. Im Interview mit ntv sagte er, eine Prüfung des Impfstoffs sei zwar unbedingt notwendig, und diese werde ja auch stattfinden. "Aber ich hätte in dieser Zeit die Impfung wahrscheinlich fortgesetzt. Wir sind mitten in der dritten Welle, und gerade ältere Menschen haben einen großen Nutzen durch den Impfstoff. Das ist viel wichtiger und wiegt weit schwerer als das sehr seltene Thrombose-Risiko." Dieses Risiko liege bei 1:250.000, so Lauterbach. "Außerdem müsse klar kommuniziert werden, dass diejenigen, die an Covid erkranken, generell ein Thrombose-Risiko haben, ein viel höheres als durch das Verimpfen von Astrazeneca." Lauterbach betonte allerdings, dass er keine Kritik an Gesundheitsminister Spahn üben wolle. Man könne das so oder so entscheiden. Wenn der Impfstoff wieder zugelassen werde, müsse alles genau kommuniziert und im Detail erläutert werden. Dann sei es möglich, das angeschlagene Image von Astrazeneca wieder zu reparieren. "Wir müssen werben und kämpfen für diesen Impfstoff, das wird uns aber gelingen", so Lauterbach.

Quelle: ntv.de, mit AFP