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Ellen Page über ihr neues Leben "Ich hoffe, mehr Leute outen sich!"

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Ellen Page feiert als Schauspielerin Erfolge. Seit sie offen lesbisch ist, probiert sie sich auch immer wieder als Aktivistin.

(Foto: AP)

Seit zwei Jahren weiß die Welt, dass Ellen Page lesbisch ist. Nun spielt sie im Liebesdrama "Freeheld" eine lesbische Aktivistin. Mit n-tv.de spricht die 29-Jährige über Diskriminierung und wieso sie sich trotzdem nicht beklagen kann.

Wer aus Ellen Page ein paar knackige Sätze herausbekommen möchte, muss sich eventuell eine Weile mit ihrer Stirn unterhalten. Im Gespräch mit n-tv.de richtet die Schauspielerin den Blick gern mal zu Boden. Unhöflich ist das nicht gemeint. Die 29-Jährige spricht einfach konzentriert - vor allem dann, wenn ihr etwas ganz besonders wichtig ist. Seit zwei Jahren weiß die Welt, dass sie lesbisch ist. Nun spielt sie im Liebesdrama "Freeheld" eine lesbische Aktivistin.

n-tv.de: Wenn ein homosexueller Schauspieler für eine Filmrolle besetzt wird, wird das häufig besonders betont. Du hast dich vor gut zwei Jahren geoutet und musst seitdem vermutlich andauernd über deine Sexualität sprechen. Nervt's schon?

Ellen Page: Keine Frage, in jedem Interview geht es darum. Das ist aber in Ordnung. Ich spreche lieber den ganzen Tag darüber, lesbisch zu sein, als diesen Teil von mir wieder verstecken zu müssen.

Warum ist es für Schauspieler noch immer so eine große Überwindung, sich zu outen?

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Ich glaube, es gibt diese Befürchtung in der Filmbranche, dass ein Coming-out der Karriere schadet. Ich weiß, diese Erklärung klingt veraltet und etwas albern, durchsetzt von Diskriminierung. Es ist traurig. Ich hoffe, die Situation wird sicher weiter verbessern und mehr Leute outen sich. Das macht sie zu sichtbaren Mitgliedern der Gemeinschaft, hilft aber vor allem ihnen selbst. Nicht authentisch leben zu können, fühlt sich furchtbar an.

Als du damals an die Öffentlichkeit gegangen bist, war das also eine Befreiung?

Das hat mein Leben verändert! Ich bin eine völlig andere Person geworden.

Was hat sich im Alltag für dich verändert? Nehmen dich die Leute anders wahr?

(Atmet erst einmal tief durch) Bevor ich mich geoutet habe, bin ich eigentlich immer davon ausgegangen, dass ohnehin alle wussten, dass ich lesbisch bin. Jetzt führe ich eine Beziehung in der Öffentlichkeit und es ist völlig neu für mich, mit meiner Freundin im Arm die Straße entlangzulaufen. Zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, schlecht behandelt zu werden, weil ich lesbisch bin. Damit müssen viele Leute leben - das wird sich nicht einfach über Nacht ändern.

Macht dich das wütend?

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Klar, allerdings kann ich mich glücklich schätzen. Ich lebe in Los Angeles, habe durch meinen Job genug Geld zur Verfügung. Ich bin eine ziemlich privilegierte homosexuelle Person. Muss ich mit Bullshit umgehen? Aber sicher! Bin ich mit den Dingen konfrontiert, die andere Mitglieder der LGBT-Community aushalten müssen? Nein! Transfrauen "of color", die also in der Mehrheitsgesellschaft als nicht weiß gelten, haben in den USA eine Lebenserwartung von 35 Jahren. Das ist doch der Wahnsinn! Wenn ich an so etwas denke, fehlt mir echt das Verständnis für die Traditionsvorstellungen irgendwelcher Leute. Unter solchen Weltanschauungen müssen Menschen wirklich, wirklich leiden.

Hattest du im Umfeld des Hollywood-Betriebs schon mal mit Homophobie zu kämpfen?

Mir hat jedenfalls noch nie jemand was ins Gesicht gesagt. Ich wurde immer unterstützt.

Und bald ist es dann auch überflüssig, immer wieder auf der sexuelle Orientierung von Schauspielern herumzureiten?

Hoffentlich. Aber zu diesem Zeitpunkt ist wahre Gleichheit generell noch eine Illusion. In den USA darf man Bewerbern in 31 Staaten aufgrund von sexueller Orientierung Wohnraum verweigern. Man sollte meinen, so etwas wie die landesweite Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe hätte etwas an der generellen Stimmung geändert, aber so einfach ist es nicht. Wenn wir tatsächlich alle gleichberechtigt sind, dann hören Schauspieler auch auf, Coming-out-Reden zu halten, und laufen einfach mit dem Partner oder der Partnerin über den roten Teppich.

Du hältst nun aber nicht nur Reden, sondern engagierst dich auch bei deiner Arbeit für Projekte, die Inhalte aus dem LGBT-Umfeld schöpfen. Dein aktueller Film "Freeheld" erzählt die Geschichte eines lesbischen Paars.

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Gerade ist Ellen Page mit "Freeheld" im Kino zu sehen. An ihrer Seite spielt Julianne Moore.

(Foto: Universum Film)

Richtig und ich produziere noch ein paar mehr Filme mit Charakteren, die zufällig lesbisch oder schwul sind. (grinst verlegen)

Meinst du, solche Filme hätte man vor, sagen wir, fünf Jahren schon realisieren können?

Ich möchte sagen: ja. Ist aber nicht passiert. Also muss unsere Antwort lauten: nein. Gerade tut sich in der Hinsicht einiges. Da waren "Blau ist eine warme Farbe", "Tomboy", ein Film, den ich sehr liebe, "Carol" und jetzt eben "Freeheld".

Ich habe gelesen, dass es sechs Jahre gedauert hat, um das Geld für "Freeheld" zusammenzubekommen.

In den USA ist es derzeit ohnehin schwer, einen Indie-Film zu finanzieren. Noch schwieriger macht es dann vor allem die Tatsache, dass es zwei weibliche Hauptrollen gibt. Es ist echt hart. Vielleicht spielt das LGBT-Element auch mit rein.

Als wie dramatisch empfindest du das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Filmindustrie denn?

Nur 17 Prozent der Protagonisten sind Frauen. Der Anteil wird noch kleiner, wenn Frauen Minderheiten angehören - egal, ob sie lesbisch sind oder schwarz. Die Branche hat noch einiges zu leisten. Dafür ist das Fernsehen gerade ein guter Ort für Frauen.

Du bist auf jeden Fall fit, wenn es um Statistiken geht! Wenn du zum Beispiel wie im vergangenen Sommer Präsidentschaftskandidat Ted Cruz undercover in die Mangel nimmst, fühlst du dich dann auch als Aktivistin?

Ich habe mit Ted Cruz gesprochen, weil ich für das Portal "Vice" die Dokumentation "Gaycation" gedreht habe. Da besuche ich verschiedene Länder und deren LGBT-Communities. Wir waren schon in Japan und Brasilien, auf Jamaika und eben in den USA unterwegs. Überall diskutieren wir auch politische Elemente, denn natürlich gibt es auch überall eine Form von Unterdrückung. Vermutlich ist das irgendwie Aktivismus, aber es fühlt sich ganz natürlich für mich an. Ergibt das Sinn?

Auf jeden Fall! Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass viele dich für dein Engagement bewundern. Bist du gern Vorbild?

Oh, ich glaube, so sehe ich mich selbst gar nicht. Ich habe es wirklich gut getroffen. Ich bin so dankbar dafür, authentisch und glücklich leben zu dürfen. Wenn es aber irgendjemandem hilft, dass ich in dieser Weise sichtbar bin - ganz egal wie - dann bedeutet mir das die Welt.

Mit Ellen Page sprach Anna Meinecke

Quelle: n-tv.de

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