Wissen

"Gänsehaut, wenn ich es mir vorstelle" Alexander Gerst will zum Mond fliegen

GerstISSCupola2Nov.jpg

Genießt den Blick aus der Kuppel der ISS und will noch viel weiter ins All hinausfliegen: Esa-Astronaut Alexander Gerst.

(Foto: NASA/ESA)

Im Mai 2018 startet er zu seiner nächsten Mission: Esa-Astronaut Alexander Gerst, vielen bekannt als Astro-Alex, fliegt zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation ISS. Zurzeit steckt er mitten im Training, die vergangenen sechs Monate hat er überwiegend im "Sternenstädtchen" bei Moskau verbracht. n-tv.de trifft Gerst im Europäischen Astronautenzentrum der Esa in Köln. Im ersten Teil des Gesprächs erzählt er vom rückwärts Einparken im All und dem größten Kompliment, das man ihm machen kann. Jetzt geht es um Ziele jenseits der ISS, um einen gigantischen Evolutionsschritt und um die Schönheit der Erde.

n-tv.de: Die erste Mission hieß "Blue Dot" und zeigte eindrücklich, welch kleiner, wertvoller, zerbrechlicher Planet die Erde im Universum ist. Welche Botschaft ist mit der zweiten Mission verbunden?

Alexander Gerst: Wir wollen unter anderem zeigen, wie wichtig die Raumstation für die Menschen auf der Erde ist und dass wir von dort wichtige Erkenntnisse mit zurückbringen. Auf der ISS können wir nämlich Dinge erforschen, die man nirgendwo auf der Erde erforschen kann – eben weil es die Gravitation hier verhindert. In jedem Forschungsbereich gibt es Lücken, die sich nur durch Experimente in der Schwerelosigkeit füllen lassen. Und da ist die ISS das einzige Labor, das das ermöglicht.

Die Forschung also ist eine Kernbotschaft. Aber Sie sagen "unter anderem". Soll die Mission noch anderes vermitteln?

Ja. Die ISS ist der erste Schritt nach draußen in den Kosmos; durch die Raumstation erfahren wir, wie wir länger und weiter in den Weltraum hinausfliegen können. Wir testen auf der ISS Lebenserhaltungssysteme, die wir brauchen, wenn wir zum Mars oder zum Mond wollen. Die Raumstation ist noch sehr von der Erde abhängig, dort wird noch alles von der Bodenkontrolle gesteuert. Das können wir uns nicht mehr leisten, wenn wir zum Mars fliegen. Mehr und mehr versuchen wir daher, autonome Systeme zu bauen und die Ressourcen auf der ISS so vollständig wie möglich zu nutzen. Man kann sich das vorstellen wie bei den ersten Schiffen, die man gebaut hat: Die Menschen haben damit erste Erfahrungen gemacht und sind zunächst die Küsten hoch- und runtergesegelt, um Mut zu sammeln und das Know-how zu gewinnen, das sie für Reisen über den Horizont hinaus brauchten. Der Mensch ist ein Entdecker. Auch dafür steht die Mission.

Was kommt denn nach der ISS, wenn man sie 2024 aufgibt?

Dass es 2024 vorbei ist mit der Raumstation, würde ich jetzt noch nicht so sagen. Erst 2028 verlieren die ältesten Module der ISS ihre Zertifizierung. Mindestens bis dahin also könnte man die Forschung auf der ISS verlängern. Die Raumstation steht technisch sehr gut da. Dennoch muss man sich um ein ein Nachfolgeprojekt kümmern, das stimmt. Einer der Esa-Pläne basiert auf dem Orion-Modul der Nasa. Die Esa ist daran beteiligt, sie baut das Antriebsmodul. Das ist übrigens ein riesiges Kompliment von der amerikanischen Seite, denn zum ersten Mal hat man bei einem Explorationsvehikel einen internationalen Partner auf den kritischen Pfad gelassen. Es zeigt, dass das Vertrauen der Nasa in die Esa riesig ist. Und mit Orion hat man dann die Möglichkeit, weiter ins All hinauszufliegen.

Bei welchen weiteren Raumfahrt-Missionen wären Sie gerne dabei?

Zum Mond oder Mars zu fliegen, ist mein Traum. Wenn ich auf solchen Flügen eine Rolle spielen könnte, würde ich mich riesig freuen. Wann solche Flüge anstehen, ist schwer vorherzusagen. Aber das Orion-Modul ist Realität, es ist gebaut und wird im Moment getestet. In absehbarer Zeit ist es also möglich, zum Beispiel um den Mond herum zu fliegen. Mit einer Landetechnologie ist Orion noch nicht ausgestattet, das geschieht alles Schritt für Schritt.

Warum ist der Mond interessant?

Aus mehreren Gründen. Man glaubt, dass man weiß, wie der Mond entstanden ist, dass er sich aus der Erde heraus formiert hat. Deswegen könnte man den Mond quasi als Archiv benutzen: Von ihm kann man lernen, wie sich die Erde im Innern zusammensetzt und wie sie sich entwickelt hat. Außerdem ist der Mond selbst spannend: Wie ist er aufgebaut? Gibt es dort Wasser? Könnte man das abbauen? Darüber hinaus kann der Mond aber auch als Aussichtsposten eine wichtige Rolle für die Menschheit spielen.

Wir sollten den Mond nutzen, um von dort ins All zu schauen?

Gerst_Ausblick.jpg

"Man wünscht sich, dass jeder Mensch einmal so auf unseren Planeten schauen könnte."

(Foto: picture alliance / dpa)

Wir Menschen sind ein Inselvolk. Oder anders: Wir fliegen auf einem kleinen Raumschiff, der Erde, um die Sonne. Da ist es gut, dass wir den Mond als Aussichtsposten haben, von dem aus wir rausschauen können. Es ist zum Beispiel schon mehrmals passiert, dass ein Asteroid zwischen Mond und Erde durchgezogen ist, und wir es erst hinterher bemerkt haben. Mit dem Mond haben wir die Möglichkeit, besser Ausschau zu halten. Man könnte auf seiner Rückseite ein Teleskop bauen. Oder ein System stationieren, von dem aus man Asteroiden ablenken könnte. Aber die Möglichkeiten muss man natürlich erstmal erforschen.

Wie wäre es für Sie, auf dem Mond herumzulaufen?

Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich es mir vorstelle. Ich glaube, das Großartigste daran ist das Wissen, auf einem anderen Himmelskörper zu sein und von dort auf die Erde hinüber zu schauen. Unseren Planeten so klein wie möglich sehen, ist wichtig, um zu realisieren, wie verletzlich er ist. Außerdem finde ich es extrem spannend, in den ersten Momenten der Weltraumexploration dabei zu sein.

In den ersten Momenten?

Die Menschen sind seit Jahrhunderttausenden Entdecker. Aber erst seit 50 Jahren haben wir die Möglichkeit, unseren Planeten zu verlassen. Das ist ein kurzer Moment, ein Wimpernschlag. In 10.000 Jahren werden die ersten Flüge zu anderen Himmelskörpern so relevant sein wie die ersten Fische, die das Wasser verlassen haben. Das ist ein gigantischer Evolutionsschritt, der uns noch gar nicht so klar ist, weil er so neu ist und wir so nah dran sind. Wir sehen noch gar nicht, wie relevant es ist, dass ein Mensch die Erde verlassen hat und auf einem anderen Himmelskörper gelandet ist.

Auf was an Bord der ISS freuen Sie sich diesmal am meisten?

Da gibt es einiges, zum Beispiel den Blick aus der Cupola. Der ist so schön, der haut einen immer wieder um. Man wünscht sich, dass jeder Mensch einmal so auf unseren Planeten schauen könnte. Die Erde sieht immer wieder anders aus, die Vielfalt ist unglaublich. 400.000 Bilder habe ich auf meiner ersten Mission gemacht. 

Welche Regionen der Erde haben Sie denn beim Blick aus dem All am meisten beeindruckt?

Ich fand die Wüsten sehr faszinierend. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass sie so unterschiedlich aussehen aus dem Weltraum. Auch die Gletscher von Patagonien fand ich interessant, da bin ich nach der Mission extra hingereist. Kamtschatka steht noch auf dem Programm. Es sind Tausende Plätze. Man bekommt große Lust aufs Reisen, wenn man aus der Raumstation schaut. Ganz gleich, welche Landschaft: Die Erde sieht so schön aus.

Mit Alexander Gerst sprach Andrea Schorsch

Was er vom Träumen und Entdecken erzählte, vom rückwärts Einparken im All und von dem größten Kompliment, das man ihm machen kann, lesen Sie hier.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema