Unterhaltung

Alex Borstein: hart, aber lustig "Ich bin gern ein brüskes Arschloch!"

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Wäre "The Marvelous Mrs. Maisel" eine Romanze, dann eine zwischen den Freundinnen Susie (Alex Borstein, l.) und Midge (Rachel Brosnahan).

(Foto: Amazon)

Vielleicht sagt Ihnen ihr Name nichts. Sollten Sie jedoch bereits einmal "Family Guy" in der englischsprachigen Originalversion gesehen haben, kennen Sie ihre Stimme. Seit fast 20 Jahren spricht Alex Borstein Lois Griffin. Beinahe wäre die 46-Jährige mit den "Gilmore Girls" groß rausgekommen. Nun ist es "The Marvelous Mrs. Maisel" geworden. In der Amazon-Serie aus der Feder des Erfolgsduos Amy Sherman-Palladino und Dan Palladino spielt Borstein Susie Myerson, Besitzerin eines Comedy-Schuppens im New York der 1950er-Jahre. Ihre harte Schale erweicht Rachel Brosnahan als aufstrebende Komikerin Midge Maisel. Für die Geschichte gab es Preise zuhauf - unter anderem zwei Golden Globes. Nun erscheint "Mrs. Maisel" in der deutschen Synchronfassung. n-tv.de hat mit Alex Borstein über die Grenzen von Humor, berufstätige Frauen und ihren besten Party-Tricks gesprochen.

n-tv.de: Viele Schauspieler nehmen sich ein Souvenir vom Set mit. Haben Sie Susies Hut behalten?

Alex Borstein: Ich stehle tatsächlich immer etwas vom Set, aber von "Mrs. Maisel" war ja schon eine zweite Staffel in Planung. Also habe ich da noch nichts entwendet. Falls doch noch, dann wird es tatsächlich vielleicht der Hut, vielleicht aber auch die Hosenträger. Oder besser: das Feuerzeug! Wenn ich das in der Hand halte, fühle ich mich sofort wie Susie. Einfach ein bisschen daran rumspielen. (grinst)

Liegt Ihnen Susies rotzige Art?

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Mütze und Hosenträger sind Susies Markenzeichen in "The Marvelous Mrs. Maisel".

(Foto: Amazon)

Ich liebe sie. Ich bin gern ein brüskes Arschloch! (lacht) Näher dran an eine Männerrolle werde ich wohl nie kommen. Susie ist selbstbewusst. Mit einem Nein findet sie sich nicht ab. Sie glaubt an sich - ob das nun gerechtfertigt ist oder nicht.

Susie betreibt eine Comedy-Bar. Sie haben mal als Komikerin auf der Bühne gestanden. Fühlen Sie sich durch "Mrs. Maisel" manchmal in diese Zeit zurückversetzt?

Während des Studiums habe ich Stand-up gemacht. Und ich war in einer Sketch-Gruppe. Ich habe auf jeden Fall viel Zeit an Orten wie dem "Gaslight" (Name der Serien-Bar; Anm. d. Red.) verbracht. Man wartet bis zwei Uhr morgens, um dann sechs Minuten grauenhafte Comedy abzuliefern. Allerdings ging es 1958 noch deutlich gesitteter zu. Die Zeitfenster für die Auftritte wurden zum Beispiel nach recht fairen Kriterien vergeben, scheint mir. Als ich es mit Stand-up versucht habe, ging es schonungslos zu. Man musste ewig vor den Clubs warten, um dann umsonst dort aufzutreten - wenn überhaupt. Manchmal habe ich die ganze Nacht gewartet und kam überhaupt nicht dran.

In der Serie werden die Comedians mehr als einmal während eines Auftritts verhaftet. Heute käme das so nicht mehr vor. Aber es gibt andere Formen, Leute zum Schweigen zu bringen. Finden Sie, Comedy kann zu anstößig sein?

Nein. Doch wir erleben gerade eine gefährliche Zeit. Mir kommt es vor, als würden wir uns rückwärts bewegen. Andauernd fühlt sich irgendwer angegriffen und viele Komiker werden mundtot gemacht. Auch ich habe das Gefühl, dass man manche Witze nicht mehr machen kann. Es gibt ganze Themenkomplexe, die ich vermeide, weil die Menschen darauf so sensibel reagieren - besonders in den Vereinigten Staaten. Ich bin gespannt, wie sich das alles entwickeln wird. Ich persönlich fühle mich durch überhaupt nichts angegriffen.

Wirklich durch gar nichts?

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Fühlt sich nicht schnell angegriffen: Alex Borstein.

(Foto: imago/APress)

Nein, durch nichts. Ich bin jüdisch. Meine Eltern haben den Holocaust überlebt. Ich finde manche Holocaust-Witze verdammt witzig. Auch sexistische Witze sind in Ordnung. Ich fühle mich davon nicht angegriffen. Finde ich sie alle lustig? Nein. Finde ich, sie sollten im Rahmen einer Fernsehserie gemacht werden? Sicher nicht. Aber es sollte die Freiheit geben, sich auszuprobieren und herauszufinden, was ein guter Witz ist. Humor ist schmutzig und unangebracht. Es ist zwar nicht per se lustig, anstößig zu sein. Aber wenn etwas lustig ist, ist es meist auch ein bisschen anstößig.

Humor wird für Susie und Midge bei "Mrs. Maisel" zum verbindenden Element. Dabei könnten die Frauen nicht unterschiedlicher sein.

Es ist eine Freundschaft zwischen Frauen, wie man sie im Fernsehen nicht oft zu sehen bekommt. Sie ist echt und sie ist stark. Susie musste ihr Leben lang lustig sein. Sie musste tough auftreten und ihren Verstand benutzen - weil sie nicht schön ist. Komödiantisches Talent ist wie ein Muskel: Wenn Sie keinen Gebrauch davon machen, entwickelt sich nichts. Besonders attraktive Menschen sind oft nicht besonders lustig. Midge ist eine dieser wundersamen Kreaturen, die beides bedienen können. Das fasziniert Susie. Midge hingegen kann mit Susie endlich ausbrechen.

Bevor sie Susie kennenlernt, führt Midge tatsächlich eher ein Leben als Tochter, Ehefrau und Mutter. Obwohl die Serie in den 50ern spielt, erinnern ihre Versuche, berufliche Ambitionen und Familienleben zu vereinen, doch immer auch an die Gegenwart. Wieso?

Irgendwas kommt immer zu kurz. Jeder, der Ihnen etwas anderes sagt, ist ein verdammter Lügner! Während der Arbeit kann man nicht für seine Kinder da sein. Und wenn man Zeit mit seinen Kindern verbringen will, muss man berufliche Termine auch mal sausen lassen. Es gibt da keine Balance. Aber die gibt es im Leben sowieso nicht. Es ist eben nicht fair. Interessant ist doch aber, dass es in den 50er-Jahren akzeptiert war, Hausangestellte zu beschäftigen. Die Frauen konnten sich zum Lunch verabreden oder zum Friseur gehen. Niemand hat sie dafür verurteilt, dass sie nicht zu Hause bei den Kindern waren. Das war ein kleines bisschen Freiheit.

Diese Möglichkeit bestand allerdings nur für Frauen einer bestimmten Gesellschaftsschicht.

Das stimmt, man musste gewisse Mittel zur Verfügung haben. Vergleichen Sie das trotzdem mal mit der Situation heute. Wenn man eine Nanny oder einen Babysitter einstellt, schauen die Leute auf einen herab und urteilen. Als räume man seinem Beruf einen höheren Stellenwert ein als seinen Kindern! Wir haben uns als Gesellschaft entwickelt. Immer mehr Frauen arbeiten und doch ist es irgendwie verpönt. Sich die Nägel machen lassen oder ein Mittagessen mit Freundinnen ist okay, aber sich für eine Karriere zu entscheiden, ist böse.

Einmal hätten Sie beinahe schon eine Hauptrolle in einer Serie von Amy Sherman-Palladino gehabt. Sie sollten Sookie St. James in "Gilmore Girls" spielen. Was ist damals passiert?

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Die Stimme von Lois Griffin in "Family Guy" gehört Alex Borstein. Es ist ihre wohl prominenteste Rolle.

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Als ich für "Gilmore Girls" vorgesprochen habe, hatte ich zuvor an "Mad TV" gearbeitet, einem Sketch-Comedy-Format. In der Branche weiß man leider selten, welche Produktionen fortgesetzt werden. Deswegen geht man sicherheitshalber zu anderen Vorsprechen. Ich habe dann damals die Rolle der Sookie angeboten bekommen, gleichzeitig wurde "Mad TV" um ein Jahr verlängert. Eigentlich hatte man mir versprochen, dass ich beides machen kann. Amy hat extra den Drehplan geändert. Aber auf den letzten Drücker hat der Sender Fox, bei dem "Mad TV" lief, sich quergestellt. "Gilmore Girls" wurde für einen konkurrierenden Sender gedreht und Fox wollte mich nicht teilen.

Umso besser, dass Sie jetzt bei "Mrs. Maisel" dabei sind!

Ende gut, alles gut. Eigentlich hasse ich solche Sprüche, aber in dem Fall stimmt es wohl wirklich. Mein Ex-Mann hat bei "Gilmore Girls" Jackson gespielt, Sookies Ehemann. Das wäre so seltsam gewesen: mit dem Gatten arbeiten, mit dem Gatten heimgehen. Wir hätten uns vermutlich deutlich früher scheiden lassen. (lacht)

Ihre wohl bekannteste Rolle ist die der Lois Griffin in "Family Guy". Ist die legendäre Stimme Ihr präferierter Trick auf Partys oder nervt es Sie, um eine Kostprobe gebeten zu werden?

Ach, mich stört es nicht, wenn Leute danach fragen. Das passiert andauernd. Nur wenn ich mit meinen Kindern unterwegs bin und gerade unzählige Einkaufstüten zum Auto bugsiere, will ich kein fremdes Handy im Gesicht haben. (verstellt Stimme) "Ey, können Sie meine Mailboxansage einsprechen?"

Womit punkten Sie denn dann auf Partys?

Überhaupt aufzutauchen, fällt mir schwer genug. Für gewöhnlich will ich am Abend einfach nur alle Klamotten ausziehen und im Bett Eis löffeln. Ich bin allerdings schon zu Partys gegangen und habe mir im Obergeschoss ein Bad eingelassen. 40 Minuten im heißen Wasser - herrlich. Darf nur keiner mitbekommen.

Mit Alex Bornstein sprach Anna Meinecke.

"The Marvelous Mrs. Maisel" ist abrufbar über Amazon Prime Video - ab dem 26. Januar auch in deutscher Synchronfassung.

Quelle: ntv.de