Fußball

70 Tage ohne Fußball-Bundesliga Das Neuer-Theater und die Ignoranten

imago0046992379h.jpg

Der Protest der Kurven bestimmte die Bundesliga bis zum Abbruch.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

70 Tage. So lange ist es am Samstag um 15.30 Uhr her, dass zuletzt eine Partie der Fußball-Bundesliga ausgetragen wurde. Nun aber soll es weitergehen in der höchsten deutschen Spielklasse, nun soll der 26. Spieltag ausgetragen werden. Als klar wurde, dass die DFL erfolgreich für einen Bundesliga-Neustart gekämpft hat, mussten selbst wir als Sportredaktion überlegen: Was waren eigentlich die großen Themen, bevor das Coronavirus alles andere in den Schatten stellte? Ein Überblick.

Heiland Haaland und die schwarzgelben Wunderkinder

Erinnern Sie sich noch an den 18. Januar? Das war der Tag, an dem sich Erling Haaland in der Bundesliga vorstellte. Der 19-jährige Norweger wechselte im Winter aus Salzburg zu Borussia Dortmund. Die Zeit zwischen seiner Einwechslung und seinem ersten Tor ist so kurz, dass sie in Sekunden angegeben wird: 183. Das sind knapp drei Minuten, und weitere 20 später hatte Haaland seinen ersten Hattrick für den BVB komplettiert. Nach drei Einsätzen waren es dann sieben Tore, danach kühlte der Norweger etwas ab, wobei abkühlen bei Haaland heißt, dass er für den BVB mehr Treffer erzielt hat (12), als Spiele absolviert (11). Ob er nach der Pause wieder einen solchen Wahnsinnsstart hinlegt? So oder so, Real Madrid soll die Fühler schon ausgestreckt haben. Übrigens: Das "nächste große Ding" ist bereits fester Bestandteil des Teams von Trainer Lucien Favre. Als solches wurde einst auch Mario Götze gehandelt, der 2012 als 19-Jähriger mit Dortmund das Double holte. Nach einem Intermezzo beim FC Bayern ist er zurück in Dortmund, doch eine Zukunft in Schwarzgelb scheint ausgeschlossen.

Trainer, wie lange noch?

Das 1:5 bei Eintracht Frankfurt war zu viel: Niko Kovac musste am 4. November 2019 als Trainer des FC Bayern gehen, sein Co-Trainer Hansi Flick übernahm beim Rekordmeister. Und damit begann die Zeit, in der sich bisweilen täglich die Antwort auf die Frage "Für wie lange denn" änderte. Anfangs sollte Flick für zwei Spiele bleiben, die er mit 2:0 (gegen Piräus) und 4:0 (gegen Dortmund) souverän gewann. FCB-Chef Karl-Heinz Rummenigge lobte: "Wir machen bis auf Weiteres mit Hansi weiter, er hat das jetzt gut gemacht, und er hat unser Vertrauen." Erstmal bis Weihnachten. Während über Tuchel & Co. spekuliert wurde, siegte Flick einfach weiter. 4:0 in Düsseldorf, 6:0 in Belgrad. In München brach so etwas wie der "Hansi-Hype" aus. Kurz vor Weihnachten, kurz vor Ablauf der Frist die nächste Verlängerung: "Mindestens" bis zum Saisonende, auch wenn eine gewisse Skepsis mitschwang. Flick brachte dem Rekordmeister die unter Kovac abhanden gekommene Dominanz zurück. Im Trainingslager lobte ein Profi nach dem anderen die Arbeit des neuen Übungsleiters.

Mit dieser Rückendeckung meldete Flick öffentlich Einkaufswünsche bei Sportdirektor Hasan Salihamidzic an. Und siegte und siegte und siegte: Inklusive des 3:1 gegen Tottenham zum Abschluss der CL-Vorrunde hat der FC Bayern 14 von 15 Spielen gewonnen, einzig das 0:0 im Bundesliga-Topspiel gegen Leipzig trübt die Makellosigkeit der Flick-Bilanz. Trotzdem ließ der Verein den Erfolgstrainer warten, der nachvollziehbar mit Unverständnis reagierte. Während er lieferte, hielt der Klub ihn hin. Erst Ende Februar herrschte dann Klarheit. Die Münchner hatten grad 3:0 beim FC Chelsea gewonnen, als Rummenigge Flick ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk überreichte: "Es ist ein Stift. Und mit Stiften unterschreibt man beim FC Bayern manchmal auch Papiere." Trotzdem dauerte es noch knapp vier Wochen, bis offiziell feststand: Hansi Flick unterschreibt für drei weitere Jahre. Und so wurde, nach kaum sechs Monaten, aus dem Zwei-Spiele-Übergangstrainer die langfristige Lösung auf der Bayern-Bank.

Rassismus ja, Konsequenz nein

"Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein." So steht es im Selbstbild des FC Schalke 04. Doch als sich Aufsichtsratschef Clemens Tönnies noch vor dem ersten Spieltag in einer öffentlichen Rede zweifelsfrei rassistisch äußerte, blieb die notwendige Konsequenz aus. Der Verein erlaubte Tönnies, sich seine Strafe selbst auszuwählen und auch der DFB konnte nichts Strafwürdiges erkennen. Ein Trauerspiel. Dabei ist Rassismus im Fußball keine Ausnahme, sondern traurige Regel. "Werte ja, aber nur wenn es gerade passt", hieß es von uns zur Nicht-Strafe gegen Tönnies. Königsblau-Blogger Hassan Talib Haji erklärte, S04 habe "seine Werte verraten". Und unser Kolumnist Ben Redelings fragte sich, ob Tönnies' Handeln wirklich nur ein Ausrutscher war.

Hopp entfacht den Kampf der Kurven

Und dann hat sich das Coronavirus als Entscheidungsträger einfach vorgedrängelt. Zuvor wären Spiele beinahe abgebrochen worden, weil Fans sich einen resoluten Schlagabtausch mit DFL und DFB boten. Es drohten Geisterspiele - nun ja. Worum ging's nochmal? Den Anfang in der aktuellen Gefahrensituation machte am 20. Februar eine Entscheidung des DFB-Kontrollausschusses: Fans von Borussia Dortmund sind für die kommenden drei Jahre von Spielen in Hoffenheim ausgeschlossen. Der Grund: Wiederholte Schmähungen gegen Hoffenheims Mehrheitseigner Dietmar Hopp, unter anderem sein Konterfei im Fadenkreuz. Das Urteil erzeugte Gegenwehr - gewaltige. Am 29. Februar begannen die BVB-Ultras erneut mit ihrem Protest. Ein Protest, der von vielen weiteren Ultra-Gruppierungen in Deutschland aufgegriffen wurde, auch in den unteren Ligen wie etwa in Jena. Besonders mit dabei: Die Bayern-Utras beim Spiel in Sinsheim. Die Partie wurde unterbrochen, es folgten 13 Minuten Nicht-Fußball, die in die Geschichte eingehen. Mit Geschmäckle, das auf eine eigentlich völlig andere Debatte übergriff: Plötzlich vermischten sich provokante Beleidigungen und offener Rassismus. Und plötzlich bot das miese, aber leider im Stadion alltägliche Wort "Hurensohn" eine Zäsur.

Beim DFB wollte man einerseits eine weitere Eskalation verhindern, übte sich andererseits aber auch in Drohgebärden. Die Ultras drohten mit Spielabbrüchen. Ein genauer Plan sollte die Stufen dahin festlegen - das ganze zulasten der Schiedsrichter. Es drohte die eskalative Machtprobe. Eine Machtprobe, die - vorerst - ausfallen musste, weil die coronabedingte Spielpause dazwischenkam. Vergessen ist der Kampf der Kurven aber sicher nicht.

Herthas pralle Possen-Saison

Klinsmann-Posse, vier Trainer in einer Saison, Kalous Video-Leak, Lehmann führt sich als Aufsichtsratsmitglied mit Corona-Verharmlosungsaussagen ein - Hertha BSC kostet diese Spielzeit mehr als unglücklich aus. Wahnsinn, was so alles in nicht einmal sechs Monate passt. Denn eigentlich begann das wirkliche Drama erst mit dem Amtsantritt von Jürgen Klinsmann. Für den von Investor Lars Windhorst zu besetzenden Posten im Aufsichtsrat gekommen, übernahm er am 27. November überraschend das Traineramt vom unglücklichen Ante Covic. Der Wirbel begann, weil seine Trainerlizenz erstmal nicht vorgelegt werden konnte. Dann ließ er kräftig einkaufen - für etwa 80 Millionen Euro gab es in der Winterpause neue Spieler, so viel gab kein anderer Bundesligist aus -, ließ aber Tristesse-Fußball spielen, bevor ihm dann im Februar plötzlich angeblich das Vertrauen des Vereins fehlte - es kratzte offenbar an seinem Selbstverständnis - und er hinschmiss. Nicht ohne Drama: Statt mit den Verantwortlichen zu sprechen und dann an die Öffentlichkeit zu gehen, wählte Klinsmann den direkten Weg und verkündete seinen Abgang ohne Absprache bei Facebook - mehrmals. Es bedeutete das Aus für ihn auch im Aufsichtsrat. Klinsmann griff an, Hertha und Windhorst keiften zurück. Es sollte längst Schluss sein in diesem Trauerspiel, war es aber nicht: Der Ex-Bundestrainer trat mit einem vielseitigen Protokoll noch einmal nach.

Uff. Kurz Verschnaufen, dann weiter, das im Grunde zum Scheitern verurteilte Experiment mit dem Klinsmann-Co Alexander Nouri als Chef überspringen wir - Willkommen Bruno Labbadia, der nun als vierter Trainer den Klassenerhalt sichern soll. Ruhe gab es aber nicht. Stattdessen präsentierte Salomon Kalou - bei Facebook - wie egal ihm, manchen seiner Mannschaftskollegen und auch der rund um die Mannschaft beschäftigten Klubmitarbeiter offenbar die Hygiene-Regeln ob des Coronavirus sind und wie sehr man sich über Gehaltskürzungen echauffieren kann. Kalou wurde suspendiert - weil er gar den Liga-Start gefährdet - , Kapitän Vedad Ibisevic darf trotz Meckerns bleiben. Die Entschuldigung des Ivorers kam zu spät. Jetzt genug? Aber nicht doch! Denn da ist schließlich auch noch Klinsmanns Nachfolger für den Aufsichtsrat, Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann. Allein die Entscheidung war überraschend, dann sprach er auch noch im Klinsmann-Duktus. Am meisten stieß allerdings seine Verharmlosung des Coronavirus auf. O-Ton: Das müssen Sportler aushalten. Prognose: An den neun verbleibenden Spieltagen kann noch viel passieren.

Nübels Tritt, Neuers Worte und Torwart-Stress beim FC Bayern

Bis zum 15. Spieltag war die Welt noch in Ordnung, zumindest für Alexander Nübel. Der 23-Jährige ging als unumstrittene Nummer eins in die Saison, der FC Schalke startete stark und gehörte kurz vor Ende der Hinrunde noch immer zu den Klubs, die laut Tabelle zu den Meisterschaftskandidaten zählten. Und obwohl der 1:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt wie eine Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte wirkt, taugt er doch zum Wendepunkt. Für Nübel ganz besonders. Erstens, weil er in der 66. Minute die Stollen seiner Fußballschuhe in den Oberkörper von Frankfurts Angreifer Mijat Gacinovic rammte, der erst nach einem Krankenhaus-Besuch sicher sein konnte, keine Knochenbrüche erlitten zu haben. Zweitens, weil Nübel daraufhin nicht nur völlig zurecht mit Rot vom Platz flog, sondern anschließend auch für vier Spiele gesperrt wurde. Und drittens, weil während dieser Sperre öffentlich wurde, dass Nübel den FC Schalke verlässt, einen Fünf-Jahres-Vertrag beim FC Bayern München unterschreibt - und so zur Persona non grata in und um Gelsenkirchen wurde. Dass die Königsblauen seitdem nur noch einen Sieg in zehn Spielen holten und statt Champions-League-Träumen nun im Saisonendspurt um den letzten Europa-League-Platz kämpfen, verkommt im Wechseltheater fast zur Nebensache.

Denn Nübels Wechsel stieß nicht nur in Gelsenkirchen auf Unmut, sondern auch bei einem, der 2011 den selben Weg gegangen war: Manuel Neuer. Der Kapitän der DFB-Elf und des FC Bayern hielt wenig davon, seinen Nachfolger präsentiert zu bekommen. Deshalb stellte er im menschenrechtlich bedenklichen Winter-Trainingslager klar: "Ich bin kein Statist, sondern Protagonist und möchte immer spielen" und erklärte Nübel zu einem "Top-Torwart, dem vielleicht auch irgendwann die Zukunft gehört". Vielleicht. Irgendwann. Nübel zeigt sich nach seiner Sperre von den Umständen beeindruckt, überfordert.

Neuer pokert derweil in München um seinen neuen Vertrag und zeigt sich auch dort ungewohnt vehement, fordert eine langfristige Verlängerung. 34 sei schließlich kein Alter für einen Torwart, das will Neuer beweisen und hat im neuen Bayern-Vorstand und designierten Rummenigge-Nachfolger Oliver Kahn einen prominenten Fürsprecher, der mit knapp 39 Jahren seine Karriere beendete. Schlechte Aussichten also für Nübel, was Einsätze beim neuen Verein betrifft, schließlich ist Neuer der "weltbeste" Torwart. Sagte Bayern-Trainer Hansi Flick: "Manuel Neuer ist eindeutig unsere Nummer 1, daran wird sich auch in der kommenden Saison nichts ändern."

DFL-Druck mit Selbsterhaltungstrieb

Volleyball-Saison - abgebrochen, Handball-Saison - abgebrochen, Eishockey-Saison - abgebrochen. Fußball-Saison? Geht weiter. Trotz des Anti-Hygiene-Videos von Herthas Salomon Kalou. Trotz der naiven Erzählung von Augsburg-Trainer Heiko Herrlich, dass er trotz Team-Quarantäne im Supermarkt einkaufen war. Trotz des Einwandes von Dresdens Marco Hartmann, er werde mit seinen "Ängsten allein gelassen". Trotz ähnlicher Einlässe von Neven Subotic. Trotz Uneinigkeit in der Liga. Trotz Kritik von Außenstehenden, auch von Kolumnist Ben Redelings.

Mehr zum Thema

Stattdessen mit DFL-Konzept, groteskem Torjubel, "Corona-Klassenfahrt", vielen offenen Fragen, aber auch Beifall aus dem In- und Ausland. Die Angst vor einem Sterben der Klubs in der Krise ist einfach zu groß. Die wirtschaftliche Lage aber so, dass selbst Spiele ohne Zuschauereinnahmen alles retten.

Das betonen auch die ganz Großen des Geschäfts: Uli Hoeneß und Hans-Joachim Watzke. Gegen das Coronavirus gibt es schließlich keine Versicherung, weswegen fast eine Milliarde Euro Verlust droht. Amtlich: "Die größte Krise des deutschen Fußballs". Eine, aus der sich die Bundesliga nun selbst befreien soll. Aller Bedenken zum Trotz.

Quelle: ntv.de